Knowledge, Epistemic Marginalization, and the Politics of Resentment
Laufzeit:
01. Januar 2026 - 31. Dezember 2029
Forschungsteam:
Nils Bandelow (Projektleitung)
Prof. Dr. Lukas Haffert (Projektleitung)
Abteilungen
Demokratie und soziale Konflikte
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In vielen Ländern nehmen die politischen Unterschiede zwischen Stadt und Land zu. Dies zeigt sich in Wahlen, Abstimmungen und Debatten über Klima, Covid-Politik oder die europäische Integration. Zudem bringen Menschen in Grossstädten Experten und öffentlichen Institutionen oft relativ viel Vertrauen entgegen, während den Ratschlägen von Fachleuten auf dem Land mit mehr Skepsis begegnet wird.
Ein zentrales Element dieser Kluft ist das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Viele Menschen glauben, dass ihre Region übersehen oder missverstanden wird – Forschende sprechen von ortsbezogener Kränkung oder englisch „Resentment“. In ländlichen Gebieten gehört dazu oft die Wahrnehmung, dass Entscheidungen aus weit entfernten Städten die spezifischen Lebensbedingungen auf dem Land nicht berücksichtigen und das praktische, erfahrungsbasierte Wissen der Landbevölkerung nicht ernst genommen wird.
Damit stellt sich die zentrale Frage: Warum treten solche Gefühle auch in wohlhabenden Ländern wie der Schweiz auf, wo man kaum von wirtschaftlich abgehängten und politisch unterrepräsentierten Regionen sprechen kann? Herkömmliche Erklärungen greifen hier zu kurz.
Unser Projekt untersucht deshalb Konflikte um Wissen als entscheidenden, bislang übersehenen Faktor in der Forschung zu Stadt-Land-Konflikten. Viele Menschen fühlen sich durch Fachsprache, komplexe Vorschriften oder akademische Denkweisen ausgeschlossen. Andere erleben ihr eigenes Wissen – gewonnen durch eigene Erfahrungen mit praktischer Arbeit oder grosse Nähe zur Natur – als abgewertet. Diese Wissensdimension des ortsbezogenen Resentment ist bisher kaum erforscht, könnte aber zentral für aktuelle politische Spannungen sein.
Um diese Form der Kränkung genauer zu untersuchen, befragen wir Menschen in der Schweiz und Ostdeutschland auf unterschiedlichen Wegen. In Kleingruppendiskussionen untersuchen wir, wie Menschen über Expertise, Alltagserfahrungen und gesunden Menschenverstand sprechen. Darauf aufbauend entwickeln wir dann einen Fragebogen, den wir in einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung einsetzen. So lässt sich erkennen, wie verbreitet solche Eindrücke sind und wie sie mit Vertrauen, Wahlverhalten und Einstellungen zu Klima, Gesundheit und anderen Politikbereichen zusammenhängen.
Der Vergleich zwischen der Schweiz – einer weit entwickelten Wissensökonomie mit stabilen ländlichen Regionen – und Ostdeutschland, das von wirtschaftlichen Umbrüchen, politischer Unterrepräsentation und demografischem Wandel geprägt ist, zeigt, ob wissensbezogene Kränkung vor allem dort entsteht, wo Wissen die Grundlage für grossen Wohlstand bildet, oder auch in strukturell benachteiligten Gebieten. Ein besseres Verständnis dieser Wissenskonflikte könnte deshalb eine klarere und ortsspezifischere öffentliche Kommunikation sowie wirksamere politische Maßnahmen ermöglichen – insbesondere in Bereichen wie Klima, Gesundheit oder Landwirtschaft.
